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Warum wir Gutenbergs Erfindung jeden
Tag auf´s neue nehmen
(Dieser Zeitungsartikel erschien in der
Rheinpfalz, Nr. 91/1197 unter dem Titel "Der Mensch als lesendes
Wesen schlechthin - Die friedliche Koexistenz der 'Gutenberg-Galaxies'
mit audiovisuellen Medien")
Was Sie, liebe
Leserin, lieber Leser, gerade in der Hand halten, ist ein technologisch ausgereiftes, in
seiner Grundform jahrhundertealtes Produkt: eine Zeitung.
Eine Zeitung hätten Sie, wenn Sie damals schon gelebt hätten, wohl auch an einem
Septembermorgen vor 100, 150 oder 200 Jahren gelesen. Aber Sie hätten zuvor nicht das
getan, was Sie mit höchster Wahrscheinlichkeit in den letzten 24 Stunden auch getan
haben: telefoniert, ferngesehen und Radio gehört. Und so sind Sie medienhistorisch
schnell durchschaut: Sie bewegen sich jenseits der Gutenberg-Galaxis!
"Die Gutenberg-Galaxis" - das war der befremdlich klingende Titel eines Buches,
das der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan 1962 publizierte. Seine Grundthese
ist trotz der assoziativen Überfülle von Gedankenblitzen, die McLuhan ausbreitet,
schnell genannt. Jahrhundertelang gab es nur eine Möglichkeit, Informationen und
Mitteilungen aufzuzeichnen, zu speichern und weiterzureichen, nämlich Zeichen auf Papier
oder vergleichbares Material zu bannen. Heute aber bewegen wir uns in einer anderen
Medien-Galaxis. Denn wir können seit der Erfindung von Phono- und Photographie Ton- und
Lichtschwingungen aufzeichnen und übertragen. Mit den massenhaft verbreiteten AV
(audiovisuellen)-Medien wie Radio und Fernsehen wird der Kosmos der Schrift und des Buches
vollends an den Rand gedrängt.
Zeitung seit 400 Jahren
Schreibtechniken zu beherrschen - das war vor Gutenberg ein
exklusives und überaus teures Handwerk. Nur die wenigsten konnten lesen und schreiben,
geschweige denn die wertvollen, weil einzeln kopierten Handschriften kaufen. Gutenbergs
Erfindung des Setzkastens und des Druckstocks hat dieses tradierte Kunsthandwerk
demokratisiert. Übrigens ohne dies ausdrücklich zu wollen. Gutenbergs Ziel war es
vielmehr, besonders schöne Abschriften zu garantieren, also die schönsten
Kopistenleistungen zu überbieten. Eine unscheinbare Erfindung mit gewaltigen Wirkungen.
Um zu pointieren: ohne Gutenberg keine Reformation, keine Schulpflicht, keine
Goethe-Ausgaben, keine Aufklärung, kein Quelle-Katalog und keine Zeitungen - nicht
auszudenken! An Medientechnik hängt eben einiges.
Zum Beispiel auch Zeitungen. Sie gibt es in deutschen Landen seit dem frühen 17.
Jahrhundert. Im Jahre 1605 erschien in Straßburg erstmals in wöchentlichem Rhythmus ein
Organ mit dem schönen Titel "Relation: Aller Fürnemen vnd gedenckwürdigen
Historien" - soll heißen: Presseerzeugnis, das seine Leser mit allen buchenswerten
Ereignissen in Beziehung setzt. 1609 kam in Wolfenbüttel der "Aviso"
(Ankündigung oder Nachricht) heraus. Die erste täglich erscheinende Zeitung im deutschen
Sprachraum erblickte 1660 in Leipzig das Licht der Welt. Sie trug den hübschen und
knappen Titel "Einkommende Zeitungen" - also eintreffende Nachrichten (aus aller
Welt). Die Nachrichten, die damals eintrafen, trafen per Postkutsche ein. Und die
transportierte Menschen und Nachrichten noch mit derselben Geschwindigkeit. Erst die
Erfindung der Telegraphie hat dafür gesorgt, daß Nachrichten Menschen abhängen. Und
daß Menschen zunehmend davon abhängen, daß Nachrichten schnell und zuverlässig
transportiert werden.
Wer im 17. Jahrhundert Zeitung las, gehörte noch einem exklusiven Kreis an. Die Blätter
hatten eine geringe Auflage (durchschnittlich 300 Exemplare) und waren entsprechend teuer.
Der Prozentsatz derer, die lesen konnten, war in Zeiten lange vor Einführung der
allgemeinen Schulpflicht naturgemäß gering (viel mehr als 20 Prozent der Erwachsenen
dürften nicht lesefähig gewesen sein). Auch kosteten Zeitungen damals viel, nämlich
etwa 6 Pfennige, und das war etwa 20 Prozent des Tagesverdienstes eines Handwerkers.
Gutenbergs Galaxis
Im 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert wurden Zeitungen
dann zum Massenmedium. Die hohen Auflagen, die Anzeigenfinanzierung, die fortschreitende
Drucktechnologie und (nicht zu vergessen!) die allgemeine Produktion von Kunden in Form
der Pflicht-Alphabetisierung, ermöglichten einen günstigen Preis. Die Zeitungen wurden
zum mächtigsten und sichtbarsten Monument dessen, was Marshall McLuhan die
"Gutenberg-Galaxis" nannte. Der Titel dieses Buches ist zugleich eine These: mit
der Drucktechnologie ändert sich eben nicht nur die Weise, in der Schriften fixiert und
vervielfältigt werden, sondern ein ganzer Kosmos. Denn unser Verhältnis zu Gott und der
Welt und den anderen wird buchstäblich über die preiswert reproduzierbare Kombination
von Buchstaben geschaltet.
Alphabetisierte Gesellschaft
Das Buch der Welt, das Buch der Schöpfung, das Buch der
Geschichte, das Buch der Natur, das Buch des Lebens; schon diese wirkungsträchtigen
Wendungen weisen darauf hin, wie sehr unsere Weltbilder von der Idee des Buches und der
Schrift geprägt sind. Die Figur des lese- und schreibfähigen Buch-Menschen erscheint uns
(noch) als der klassische Inbegriff des Menschen überhaupt. Dabei ist er,
kulturhistorisch gesehen, eine exzentrische Ausnahmeerscheinung. Warum? Schlicht deshalb,
weil auch die Gutenberg-Galaxis selbst nur eine, wenn auch wirkungsmächtige Ausnahme vom
kulturhistorischen Normalfall ist. Seinen Vollsinn entfaltet der Begriff
"Gutenberg-Galaxis" nämlich nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:
1. müssen zumindest alle Erwachsenen alphabetisiert sein. Und das sind sie, wenn man
großzügig rechnet, seit Anfang des 19. Jahrhunderts in der kleinen Weltecke, die sich
Europa nennt. Und 2. muß das, was wir heute im Rückblick auf die Gutenberg-Galaxis
Printmedien nennen, eine Monopolstellung für alle Aufgaben der Informationsspeicherung
und -weitergabe haben. Beide Bedingungen kommen in einem eng begrenzten Raum für ein
knappes Jahrhundert zusammen - und wir halten es für den "Normalfall".
Am Ende der Alphabetisierung ?
Seit etwa 100 Jahren aber zerfällt diese Monopolstellung
der Schrift- und Buchkultur. Es gibt zunehmend mehr Orientierungssterne am Medienhimmel
als nur den Gutenbergs. Mit der Entwicklung von Radio und Fernsehen zu den neuen
Massenmedien und mit dem Siegeszug der Computerkommunikation sind wir endgültig am Ende
der Gutenberg-Galaxis angekommen.
Die neue Galaxis, die wir weniger betreten, als daß wir in sie hineingeschleudert werden,
erinnert aber in zumindest einer wichtigen Hinsicht an die Epoche vor Gutenberg. Wer am
Leitmediensystem teilhaben will, muß heute nicht mehr alphabetisiert sein. Die
Feststellung klingt banal und ist doch von ungeheuerer Wichtigkeit: Wer Radio hört und
fernsieht, kann auf der mittleren Informationshöhe seiner Zeit sein, ohne alphabetisiert
sein zu müssen. Das neue AV-System ist eben von audiovisueller Unmittelbarkeit und
prozediert nicht über abstrakte Zeichensymbole.
Verschwinden der Kindheit
Die interne Verfassung der neuen Medien-Galaxis ist auch
ansonsten gänzlich anders als die der Gutenberg-Galaxis. Grundlegende
Orientierungskategorien wie "hier und jetzt" sind (die Begriffe Rund-Funk-hören
und Fern-sehen sagen es in aller Klarheit) ganz anders bestimmt als in Schriftsystemen.
Die Trennung der Erwachsenenwelt von der der Kindheit läßt sich nicht mehr so scharf
ziehen wie in der Welt des Buches. Man muß nicht mehr Jahre lang lesen lernen, um hinter
die Geheimnisse der Erwachsenenwelt zu kommen. Es genügt vielmehr die Benutzung eines
on/off-Schalters, um das zu sehen, was auch die Erwachsenen sehen. Als "Verschwinden
der Kindheit" hat Neil Postman diesen Prozeß charakterisiert.
"Alte" Medien mit neuer Rolle
Die heute so häufig zu hörende Formel vom "Ende der
Gutenberg-Galaxis" aber meint eines gewiß nicht: daß es keine Bücher und
Printmedien mehr geben wird. Neue Medien haben alte noch nie verdrängt. Auch nach der
Erfindung der Photographie gibt es Porträtmaler, auch nach Erfindung des Films bleiben
die Theater geöffnet, auch nach Erfindung der Schallplatte finden Konzerte statt - so wie
die Erfindung des Autos den Pferden nicht den Garaus gemacht hat. Aber auch wenn Neues
nicht das Alte vernichtet, so sorgt es doch dafür, daß das Alte gänzlich neue
Funktionen übernimmt: Wir reiten nicht mehr, um von A nach B zu kommen, sondern weil uns
dieser Sport gefällt: Im Hinblick auf das "gute alte Buch" und Ihre
"Tageszeitung" heißt das, die Funktion der Printmedien unterliegt einer
Ausdifferenzierung. Für die schnelle Information sind Radio- und TV-Meldungen zuständig.
Für die Abstand nehmende, auch zeitlich verschobene Aufarbeitung der Information bleiben
die Printmedien zuständig.
Sie erleben es doch oft genug am eigenen Leib: Ist es Ihnen nicht schon öfters passiert,
daß Sie im Radio auf der Autobahn eine viel zu knappe, brandaktuelle Meldung hören und
sich selbst beruhigt versichern, es am nächsten Morgen in Ruhe nachlesen zu können - in
Ihrer Tageszeitung?
Natürlich kann man auch Lyrik am Computermonitor lesen. Man wird es aber wohl kaum wollen
- der Lesesessel mit dem Glas Wein in greifbarer Nähe ist der dafür angemessenere
Rahmen. Börsenkurse hingegen haben auf dem Bildschirm mehr zu suchen.
Kurzum: Einzelmedien wie Internet, PC, E-mail, Fax,
Telefon, TV und Zeitung sind heute auf der Suche nach den ihnen spezifischen Funktionen.
Friedlich wird die Ko-Existenz der vielen Medien nicht immer sein, koexistieren aber
werden sie.
Die Gutenberg-Galaxis hört nicht auf zu enden. Was Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mit
der Lektüre dieser Zeitung soeben wieder einmal bestätigt haben.
Jochen Hörisch
Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse, Universität Mannheim
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